Worte

Durch Worte läßt man sich leiten, oft begeistern, manche Worte sind verboten, verhaßt, geächtet, andre allbeliebt, oft mächtig wirkend wie elektrisches Feuer, ja viele Worte nahmen sogar im Munde der Parteien eine ganz andre Bedeutung als früher an, sie changiren so zu sagen, wie bei Gauklern die Gegenstände in der Luft. Vor 60 Jahren z. B. war das Wort: Monsieur in Frankreich verpönt, man sprach sich bei Todesstrafe nur mit “Citoyen” an. Ein schüchterner Versuch in neuerer Zeit mißlang; man fand diesen Zwang mit Recht kindisch. Auch die Deutschen wollten trotz Geschichte, herkömmlicher Förmlichkeit, angeborner Titelsucht und Titelwesen diese Ungebundenheit nachahmen; der Bürger sollte den Herrn ersetzen, Niemand mehr: Hochgeboren, hochwohlgeboren, edel- oder wohlgeboren sein; man kam auch davon zurück; denn wahrlich, es ist so gleichgültig, sich Herr oder Bürger anzureden, als ob man eine Cigarre oder eine Pfeife raucht. Aber welcher Mißbrauch erst mit Worten, wie Grundrechte, Reaction, Fortschritt, Emancipation und vielen andern albernen Stichworten getrieben worden?

Josef S. Ebersberg: Einundfünfzig Zeichen der Zeit, Vienna 1851, p. 32.

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