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Die gesittete Menschheit wurde von ihren neuen Erfindungen und Fortschritten überrumpelt. Es blieb ihr keine Zeit, sich ihren geänderten Daseinsbedingungen anzupassen. […] Unseren Vätern ist keine Zeit gelassen worden. Gleichsam von einem Tag auf den andern, ohne Vorbereitung, mit mörderischer Plötzlichkeit mußten sie den behaglichen Schleichschritt des frühern Daseins mit dem Sturmlauf des modernen Lebens vertauschen und das hielten ihr Herz und ihre Lunge nicht aus. Die Stärksten konnten allerdings mitkommen und sie verlieren jetzt auch in der raschesten Gangart den Athem nicht mehr, die minder Tüchtigen aber fielen bald rechts und links aus und füllen heute die Straßengräben der Fortschrittsbahn.

Max Nordau: Entartung, 2nd ed. Berlin 1892, vol. 1, p. 73.

 

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XLIX

Man komt ‘s avonds thuis en merkt dat een andere man ‘s avonds bij zijn vrouw in bed is geweest. Hij zoekt het hele huis af en kijkt tenslotte ook in de slaapkamer-kast, daar staat een totaal naakte man, en toen die ene man vroeg wat de andere daar deed, antwoordde de man in de kast: u kunt het geloven of niet maar ik wacht op de tram.

English Translation

Man comes home at night and notices that another man was in bed with his wife at night. He searches the whole house and finally looks into the bedroom closet, there stands a totally naked man, and when the one man asked what the other one was doing there, the man in the closet answered: if you believe it or not, I’m waiting for the tram.

Anne Frank: Diary, new pages recently discovered by the Anne Frank Stichting. Source: Het Parool (May 15, 2018) ‘Onbekende teksten gevonden in dagboek Anne Frank‘ (May 15, 2018) and ‘Dit zijn de ‘nieuwe’ teksten uit het dagboek van Anne Frank‘ (May 15, 2018).

XLVIII

Ce jour-là, il y avait de l’incertitude dans les esprits; les débuts de la session n’avaient pas été des plus favorables pour le ministère; le Roi et les Princes, à leur entrée au Palais-Bourbon, le jour de l’ouverture des Chambres, avaient été accueillis avec une froideur inusitée. Le discours du Roi fait mention de Mogador: silence, de ses fils qui ont exposé leur vie pour le pays: même silence, des marques nombreuses d’amitié qu’il avait reçues de la part de l’Angleterre lors de son voyage à Londres, enfin des sacrifices que sa dynastie n’a cessé de faire à la France qui, sans doute, se montrera reconnaissante: mutisme complet. […] Rentré au Château, le Roi se serait écrié “J’apprécie, sans doute, les services que m’a rendus ce pauvre Guizot, mais je veux d’un ministère qui soit assez populaire pour qu’on crie: Vive le roi!”

Viktor Petrovich Balabin: Paris de 1842 à 1852. La cour – la société – les mœurs: Journal de Victor de Balabine, secrétaire de l’ambassade de Russie, Ernest Daudet ed., Paris 1914, p. 174 [1845].

XLVII

Wenn ich aber einmal einen von den neuen deutschen Romanen zu lesen anfange, finde ich, daß er sich sehr wenig von denen vor dreißig Jahren unterscheidet. Damals hießen die Helden Hans und Grete, heute heißen sie Evelyn und Kay, damals boten sie sich auf Seite zweihundert hinter einer Rosenhecke das Du an und versprachen sich fürs Leben, heute bei einem Reifenwechsel oder einem Propellerbruch nehmen sie Pupille auf ihre sportgebräunten Züge, besprechen das Geschäftliche, eröffnen sich ihre Komplexe und beschließen für die nächsten vierzehn Tage in den Clinch der Küsse zu gehen. Das erscheint mir kein großer Unterschied zu sein, die Liebe ist es damals wie heute, die die Seitenzahlen vermehrt und den Autor zu ausgreifender Entwicklung treibt […].

Gottfried Benn: Die neue literarische Saison: Gesprochen vor dem berliner Sender am 28. August 1931, in: Die Weltbühne 27, no. 2 (1931), 402-408, 402.

XLVI

Bielefeld, würde ich deshalb sagen, war ein Stil. Den verkörperten dort durchaus nicht alle Leute, aber die waren auch nicht Bielefeld, sondern waren im Wesentlichen sie selber, freundliche westfälische Landesforscher oder ungeheuer belesene und neugierige Mittelalterspezialisten. In den wöchentlichen Debatten im Bielefelder Kolloquium wurde die Theorie als ungeduldige Forderung nach theoretischer Unterfütterung nur selten von Professoren, sondern sehr viel häufiger von Assistenten und Habilitanden eingeklagt. “Mir ist unklar geblieben”, so ein Statement, das mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist, “mit welcher Theorie du arbeitest. Beziehst du dich auf Weber? Auf Büchers Drei-Stufen-Modell städtischer Wirtschaft? Auf Gerhard Österreichs Sozialdisziplinierung?”
Und so kapierte ich endlich, was Theorie in Ostwestfalen bedeutete. Theoretisch zu arbeiten hieß, bei den eigenen Vorträgen oder bei den eigenen Redebeiträgen zu den Vorträgen anderer die Namen theoretischer Schutzpatrone anzurufen, zusammen mit bestimmten Zauberworten. Der Katalog der Schutzpatrone war angenehm übersichtlich, nämlich Weber, Elias und Habermas, und die Zauberworte endeten alle auf “-ierung”. Modernisierung, Disziplinierung, Professionalisierung: Denn in die Moderne ging es geradeaus. Die Diskussionen im Kolloquium waren deswegen immer recht vergnüglich. Das Spiel bestand hauptsächlich darin, dem Gegenüber einen Mangel an theoretischer Rechtfertigung dessen nachzuweisen, was er eigentlich erforschen wollte. Theorie war also gleichzeitig etwas, wovon beruhigend viel und doch immer zu wenig da war. Verschiedene Versuche von Seiten der Neuankömmlingen, neue Schutzpatrone einzuführen, scheiterten, jedenfalls während meiner Anwesenheit. Das sei zwar sehr anregend, wurde einem jeweils beschieden, von Bart-und-Pfeife und anderen, aber doch eher modisch. Theoretisch nicht abgesichert.

Valentin Groebner: Theoriegesättigt: Ankommen in Bielefeld 1989, in: Sonja Asal / Stephan Schlak eds., Was war Bielefeld? Eine ideengeschichtliche Nachfrage, Göttingen 2009, 179–189, 185.

 

XLV

Der Geist der Zeit formt und formte von jeher die Menschen und Völker, so lange dieselben nemlich auf seine stets hörbare Stimme lauschen; wird es aber nothwendig, schwindelnde, bis zum Verderben gebildete Völker durch Gefahren und große Erschütterungen zur Besinnung wieder zurück zu führen, dann weckt er das hervorspringende Genie, das übrigens jedoch nichts ist, als blos das schneidende oder heilende Werkzeug in seiner Hand. Dieses kann also die Umstände weder herbeyführen, noch beherrschen; aber es versteht solche zu benutzen, es vermag die Zeichen der Zeit zu deuten, und in ihnen das Schicksal der Völker zu lesen. Mit einer höhern Macht im Bunde, scheint es dem Zufall zu gebieten, der doch vielmehr als sein schützender Dämon ihm überall zur Seite stehet. Ihm folgte der große Cäsar, als seinem Glück, Ihm der große Napoleon als seinem Stern.

[v.K.]: Ueber den Geist der Völker und der Jahrhunderte, in: Minerva, no. 3 (1808), p. 69–82, 81–82.

XLIV

Cependant ces hommes si soumis ont beau faire et beau dire, leur enthousiasme est contraint: c’est l’amour du troupeau pour le berger qui le nourrit pour le tuer. Un peuple sans liberté a des instincts, il n’a pas de sentiments; ces instincts se manifestent souvent d’une manière importune et peu délicate: les Empereurs de Russie doivent être excédés de soumission; parfois l’encens fatigue l’idole. A la vérité ce culte admet des entr’actes terribles. Le gouvernement russe est une monarchie absolue, tempérée par l’assassinat; or, quand le prince tremble, il ne s’ennuie plus; il vit donc entre la terreur et le dégoût. Si l’orgueil du despote veut des esclaves, l’homme cherche des semblables: or, un Czar n’a point de semblables; l’étiquette et la jalousie font à l’envi la garde autour de son cœur solitaire. Il est à plaindre plus encore que ne l’est son peuple, surtout s’il vaut quelque chose.

Astolphe de Custine: La Russie en 1839, 2nd ed, Paris 1843, vol. I, 289.